Wie Probleme entstehen – und bleiben.

Probleme entstehen nicht einfach so. Sie brauchen einen Nährboden und sie brauchen viel Aufmerksamkeit und Pflege. Sie brauchen ein System, dass sie stützt. Ohne dieses System läuft ein Problem Gefahr, völlig haltlos in sich zusammenzufallen. Was ist es, das ein Problem zum Problem macht? Wie entstehen Probleme; gerade – und vor allem – im Berufsalltag?

Zuerst muss ein Problem entdeckt (oder erfunden) werden. Zu diesem Zeitpunkt ist das Problem meist noch ein kleiner, kaum spriessender Samen, ganz alleine im Erdreich. Aber Rettung naht durch den Entdecker des Problems. In den Augen des Entdeckers des Problems ist „Etwas nicht in Ordnung…!“. In einem nächsten Schritt muss sich das Problem ausbreiten und sichtbar machen. Der Samen muss also zu einer Pflanze heranwachsen und mehr Platz einnehmen. Der richtige Dünger dazu ist das problemdeterminierte Kommunikationssystem. Der Entdecker des Problems muss demnach das Problem „Etwas ist nicht in Ordnung mit…!“ zum hauptsächlichen Inhalt und Mittelpunkt der kommunikativen Beziehung zu anderen machen. So bringt er immer mehr Betrachter/Bewunderer zur Pflanze. Und die sonnt sich in den wärmenden Strahlen der Aufmerksamkeit und wächst und wächst. Die kollektive Aufmerksamkeit verengt sich immer mehr darauf, dass: „Etwas nicht in Ordnung ist mit…!“.

Jetzt wo die Pflanze in „vieler Munde“ ist, braucht sie eine Daseinsberechtigung, die sie schützt und am Leben erhält. Denn, sie will nicht zertrampelt werden, wenn sie im Mittelpunkt so vieler Menschen steht. Es wird also eine stärkende, nachhaltige Erklärung für das Problem gesucht. Diese soll so plausibel sein, dass sie jeder Mensch versteht (und weiter erzählen kann). Und, sie darf keinen gangbaren Ausweg aus dem Problem anbieten. Eine heikle Aufgabe, derer sich der Entdecker des Problems aber gerne annimmt. So lange, bis sich alle Herumstehenden der plausiblen aber ausweglosen Problem­schilderung anschliessen.

Sie sind wie betört von der Schönheit der Pflanze. Früher oder später naht jedoch Ungemach; die Pflanze ist nicht mehr alleine in ihrem Erdreich. Um sie herum wächst Unkraut. Dieses Unkraut bedroht das Reich der Pflanze. Nun sind also die vielen Menschen aufgerufen, aktiv zu werden, zu handeln um sie zu beschützen. Das problem­stabilisierende Handeln setzt ein: Alle Beteiligten verhalten sich dauerhaft so, als ob es keinen Weg aus dem Problem gebe oder als sei die Lösung ausschliesslich in der Hand Anderer. So wird das Unkraut vertilgt und die Pflanze gehegt und gepflegt. Und wenn alle weiter fleissig mitgemacht haben, dann lebt die Pflanze heute noch…

Soweit zum systemischen Verständnis von Problemen. Wie sie entstehen und wie sie aufrecht­erhalten werden – von einem System das sie stützt. Die Lösung liegt ebenso im System: Die systemschützende Struktur kann durchbrochen werden, in dem die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Parameter gestört wird. Verändert sich ein Parameter nachhaltig, besteht die grosse Möglichkeit, dass das Problem in sich zusammenfällt.

Problemstrukturen können also durchbrochen werden, wenn die Mitbegründer oder Helfer nicht (mehr) mitspielen. Wenn zum Beispiel gleich zu Beginn der Problem­entdecker keine Mitläufer findet oder niemand beim problemdeterminierten Kommunikationssystem mitmacht. Sodann wird sich das Problem nicht weiterverbreiten können. In der Folge kann sich der Problementdecker fragen, ob es sich wirklich um ein handfestes Problem handelt. Oder: findet ein Arbeitskollege einen plausiblen Ausweg aus dem Problem und kann sich damit bei den anderen Gehör verschaffen, wird das Problem entfallen. Oder: steuert eine Arbeitskollegin ihr Verhalten problemdestabilisierend – in dem sie es um- oder übergeht – besteht die Möglichkeit, dass es andere auch tun werden.

Bemerkung des Autors: Der Artikel soll NICHT Probleme klein reden oder suggerieren, dass Probleme immer entfallen, in dem sie systemisch nicht gestützt werden. Probleme sowie Menschen, die Problemen ausgesetzt sind, sollen ernst genommen werden und adäquate Aufmerksamkeit erhalten.
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