Über welche Art von Grenzen verfügen Sie?

Unsere persönliche Grenze ist unser persönlicher Raum, der uns wie eine zweite, unsichtbare Haut umgibt. Unsere Grenzen haben drei Funktionen: sie stiften Identität, sie schützen uns und sie sind unser Kontaktpunkt zu Mitmenschen.

Im Alltag gibt es immer wieder Situationen, wo unsere Grenzen bedroht sind oder überschritten werden. Wir gehen unterschiedlich mit dieser Bedrohung unserer Grenzen um. Einerseits situations- und stimmungsbedingt, andererseits, weil wir über unterschiedliche Grenz-Qualitäten verfügen. Unsere grundsätzliche Grenz-Konstitution wird in den frühen Kindsjahren angelegt. Es wird zwischen drei Typen von Grenzen unterschieden:

Typ 1: Offene und durchlässige Grenzen, mit dem Bedürfnis nach möglichst viel Nähe durch ein Gegenüber. Unbewusst verfolgt diese Person das Ziel, sich vor Verlassenheit zu schützen. Die fast ständig drohende Verlassenheit wird mit viel Nähe (vor-)kompensiert. Diese Person ist der Grenzüberschreitung durch ein Gegenüber fast hilflos ausgesetzt. Dabei will sie gar keine Grenzüberschreitung, sondern nur Nähe. Sie kann sich jedoch der Überschreitung aufgrund der Durchlässigkeit ihrer Grenzen kaum erwehren. In einer partnerschaftlichen Beziehung lebt diese Person ihr Bedürfnis nach Nähe beliebig aus. Sie hat fast nie genug davon und kann dadurch ihr Gegenüber in die Flucht schlagen – was ihre Verlassenheit nur noch verstärkt.

Typ 2: Starre, rigide, undurchdringliche Grenzen, mit dem Bedürfnis nach möglichst viel Distanz zu einem Gegenüber. Unbewusst verfolgt diese Person das Ziel, sich vor Überflutung (zu nahe Treten) durch das Gegenüber zu schützen. Die drohende Überflutung wird vermieden durch das Aufrechterhalten von Distanz zum anderen. Dieser Person ist Alles zu Nahe. Sie riegelt sich geradezu ab, auch wenn gar keine offensichtliche Gefahr der Grenzüberschreitung besteht. In einer partner­schaftlichen Beziehung, kann diese Person Nähe nur nach längerer Zeit – und viel Vertrauen in das Vis-à-vis – zulassen. Sie wird immer wieder viel Eigenraum einfordern.

Typ 3: Der Mischtyp. Er ist am häufigsten vertreten. Diese Person tendiert situativ und stimmungsbedingt zu offenen oder starren Grenzen  Dabei ist sie weitaus nicht so konsequent wie Personen mit den zuvor geschilderten Grenzen-Arten. Sie schützt sich jedoch vor beidem; der Überflutung (zu viel Nähe) und der Verlassenheit (zu viel Distanz). Verspürt diese Person Nähe (Liebe und Bindung) besteht die Möglichkeit, dass sie sich gleich wieder in die Distanz (Eigenraum) begibt. Sie pendelt also zwischen den zwei Polaritäten; dabei kann das Bedürfnis in schneller Abfolge wechseln. In einer partnerschaftlichen Beziehung bedingt der plötzliche Wechsel zwischen den Grundbedürfnissen nach Nähe oder Distanz gute Kommunikation, um Missverständnisse oder Verletzungen beim Gegenüber zu vermeiden.

Macht ein/e Klient/in Grenzen-Arbeit im Coaching, geht es darum, die individuellen Qualitäten der persönlichen Grenzen auszuloten und die sich daraus ergebenden Verhaltensmuster zu erkennen und aufzulockern. Zu schwache Grenzen können aus einem guten Selbstkontakt heraus neu installiert werden. Zu starre Grenzen können über die Aufweichung der daraus resultierenden Verhaltensmuster (und den darunterliegenden Ängsten) aufgelockert werden.

Und nun noch zu den idealen Grenzen: Stabile, jedoch flexible Grenzen, die situativ gewählt werden können…

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