Nähe und Distanz leben in einer Beziehungen – ein scheinbarer Widerspruch?

In Beziehungen haben wir vereinfacht gesagt drei Grundbedürfnisse. Wir Menschen sind soziale, auf Kontakt und Interaktion angewiesene Wesen und haben dadurch ein Bedürfnis nach Nähe und Kontakt zum Anderen – dementsprechend nach Liebe und nach Bindung. Wir haben ebenso ein Bedürfnis nach Nähe und Kontakt zu uns selbst – also nach Eigenraum. Dieses zweite Bedürfnis wird oft auch als Distanz zum Anderen verstanden. Zum Dritten wünschen wir uns, dass der Partner, respektive die Partnerin auf unser jeweiliges Grundbedürfnis eingeht; uns also die Nähe erwidert oder den Eigenraum gewährt.

Die Impulse nach Nähe und Distanz können in Beziehungen öfters mal gegenläufig sein: Der Eine verspürt das Bedürfnis nach Nähe und Bindung und der Andere verspürt zur gleichen Zeit das Bedürfnis nach Eigenraum. Der Umgang mit den abweichenden Grundbedürfnissen bedingt gute Kommunikation zwischen den Partnern. Offenes Austauschen über den ‚Modus‘, in dem sich der Jeweilige gerade befindet, kann die Situation entspannen und das Verständnis für sein oder ihr Verhalten fördern. Sind die Modi deckungsgleich, sind Worte oft gar nicht notwendig.

Sind und bleiben die Bedürfnisse der beiden Partner konträr, kann offenes, partnerschaftliches Aushandeln die Situation klären. Dabei sollen die gegenseitigen Positionen respektiert und eine schrittweise Annäherung vollzogen werden, bis eine Lösung gefunden ist. Eine Lösung, zu der beide Partner ja sagen können. Das Ergebnis kann zum Beispiel sein, dass der Eine – mit dem Bedürfnis nach Eigenraum – zuerst zeitlich abgesteckt etwas für sich tut und danach eine ebenso bedeutende gemeinsame Aktivität folgt. In der Praxis ist es gut möglich, dass der Eine sich etwas mehr an der gemeinsamen Lösung annähert als der Andere. Über die Zeit soll jedoch ein Gleichgewicht an Durchsetzung und Anpassung erzielt werden, um zukünftiges Aushandeln weiterhin zu ermöglichen.

Die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz sind Grundbedürfnisse des Menschen. In der Partnerschaft können diese Bedürfnisse, wenn sie nicht zeitgleich übereinstimmen zu Spannungen führen. Offene Kommunikation darüber und die Fähigkeit zu partnerschaftlichem Aushandeln sind von Bedeutung für das Gelingen einer Partnerschaft.

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