Kennen Sie Ihren „blinden Flecken“ schon?

Wenn Sie Ihren „blinden Flecken“ bereits kennen, dann ist er keiner mehr. Mitte der sechziger Jahre entwickelten die amerikanischen Sozialpsychologen Johannes Luft und Harry Ingham das Johari-Fenster (nach ihren Vornamen benannt). Es ist ein Modell für zwischenmenschliche Beziehungen, das die bewussten sowie unbewussten Persönlichkeitsaspekte und Verhaltensmerkmale zwischen einem Selbst und anderen (oder einer Gruppe) graphisch darstellt und thematisiert. Noch heute gehört das Johari-Fenster zum Standardrepertoire gruppendynamischer Arbeit.

Das Johari-Fenster hat auch seine Berechtigung in der Betrachtung von partnerschaftlichen Beziehungen. Denn gerade in Beziehungen kommen die zwischenmenschlichen Persönlichkeits­aspekte und Verhaltens­merkmale besonders stark zum Tragen.

Das Johari-Fenster:

 

 

 
 
 
Legende: Quadrant 1: Persönlichkeitsaspekte eines Menschen, die offen liegen; Verhaltensmerkmale, die der betroffenen Person bekannt sind und auch von anderen wahrgenommen werden. Q2: Alles, was der/die Betroffene weiss, oder kennt, es anderen jedoch nicht zugänglich macht oder aktiv verbirgt. Q3: Anteile des Verhaltens, die nur andere wahrnehmen, der/die Betroffene jedoch nicht – den  sogenannten ‚blinden Flecken‘. Q4: Persönlichkeitsaspekte und Verhaltensmerkmale, die weder der/die Betroffene noch das Gegenüber wahrnehmen; unenthülltes Terrain sozusagen.

Beziehungen leben unter anderem davon, dass sich zwei Menschen gegenseitig offenbaren. Dies im Wissen darum, dass das Vis-à-Vis mit den Offenbarungen umgehen kann. So entsteht Vertrauen, Nähe und letztendlich Intimität. Im Johari-Modell gesprochen, geht es darum, das Bekannte/Öffentliche (Q1) für den Partner/die Partnerin auszudehnen. Dies kann in zwei verschiedenen Ausprägungen geschehen: In dem die betroffene Person gegenüber dem Vis-à-Vis Geheimnisanteile lüftet (Q2) oder sie ihr unbekannte Anteile des ‚blinden Flecken‘ vom Vis-à-Vis erfährt (Q3).

Geheimnisanteile lüften: Kennen Sie Ihren kleinen, ganz geheimen Garten tief in Ihrer Persönlichkeit? Er ist sicherlich wunderschön und unbezahlbar für den zeitweiligen Rückzug. Kultivieren Sie ihn! Vielleicht gibt es jedoch in diesem privaten Garten Geheimnisanteile, die Sie Ihrem Liebsten/Ihrer Liebsten anvertrauen möchten? Tiefe Gefühle, Ängste oder Freuden, die Sie teilen möchten? Wenn das Vertrauen besteht, können Sie Anteile Ihrer Geheimnisse in einer Beziehung preisge­geben. Das Schöne daran? Wer Geheimnisse preisgibt wird auch wahrgenommen, gesehen vom Gegenüber und Anteilnahme erfahren.

Den ‚blinden Flecken‘ erfahren: Sie kennen ihn nicht, Ihren ‚blinden Flecken‘, aber ganz viele um Sie herum schon. Es gibt Mitmenschen, die Sie gewissermassen besser kennen als Sie sich selbst – zumindest in ein paar Aspekten. Vor allem Ihr Partner / Ihre Partnerin kennt Sie besser und kennt Ihren ganz persönlichen ‚blinden Flecken‘. Das kann ein spezifisches Verhaltensmuster sein, wenn wir z.B. masslos viel für das Gegenüber leisten in der Erwartung von Anerkennung. In Beziehungen und in gutem Vertrauen können Persönlichkeitsaspekte oder Verhal­tens­merkmale des Vis-à-Vis angesprochen und gemeinsam diskutiert werden. Dieses sogenannte Spiegeln soll jedoch nur im guten partner­schaftlichen Einvernehmen und nicht ungefragt geschehen. Der ‚blinde Flecken‘ soll nicht zu Argumentations­zwecken in einem Streit missbraucht werden. Ebenso soll er den Adressaten nicht vollends überrumpeln, um einen konstruktiven Austausch darüber nicht zu gefährden. Das Gute daran? Sie lernen sich etwas besser kennen und Sie können sich entscheiden, ob Sie das Verhalten aufrechterhalten oder abwerfen wollen.

Sich selbst preisgeben und die andere Person spiegeln sind – richtig angewandt – zwei bedeutende zwischenmenschliche Prozesse, die in einer Beziehung zum besseren Verständnis, mehr Nähe und Verbundenheit führen.

Im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung kann jede Person für sich noch am Quadranten 4 arbeiten. Ob er oder sie die neue Erkenntnis aus dem Unbewussten für sich behält (also in Q3 schiebt) oder mit dem Gegenüber teilt (in Q1 schiebt), liegt dann in der Eigenver­antwortung…

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