Fühlen Sie sich (über)verantwortlich?

Fühlen Sie sich nur wohl, wenn Sie gebraucht werden? Verzeihen Sie anderen eher als sich selbst? Haben Sie das Gefühl, es allen recht machen zu müssen?

Dies sind nur drei Beispiele einer weit verbreiteten Lebenshaltung, die mit Überverant­wortlich­keit umschrieben werden kann. Menschen, die in der Überverantwortlichkeit leben, belasten sich mit den Angelegenheiten anderer stärker, als ihnen guttut. Ja, sie haben es gar verlernt, eigene Bedürfnisse zu erkennen und zur Sprache zu bringen.

Überverantwortlichkeit kann sich in drei Ausprägungen manifestieren: (1) Zuständig sein für alles – gestresst und gehetzt; (2) sich um alles Sorgen – aus Befürchtungen heraus; und (3) die Anpassung über alles – mit übertriebener Rücksichtnahme.

Die erste Gruppe von Menschen steht unter dem inneren Zwang zu leisten. Sie verhalten sich wie der viel zitierte Hamster im Laufrad, der keine Pause einlegt und sich nicht entlasten kann. Diese Menschen leisten bis zur Erschöpfung, sie wollen alle Anforderungen unter einen Hut bringen (Familie, Arbeit, Ehe, Haushalt, Freunde usw.). Sie fühlen sich alleine verantwortlich für alles und merken dabei kaum, wie sie ihren Körper (und Geist) überfordern und Richtung Burnout marschieren. Sie leben nach dem inneren, stillen Motto „Ich trage die ganze Last für dich.“

Die zweite Gruppe umtreibt stetige Befürchtungen, die sich vor allem auf die Familie, Eltern, Kinder, Partner usw. richten. Ihre ständigen Ängste um das Wohl dieser Personen (ihrer Beschützten) bringen sie dazu, übermässig zu beschützen, zu bemuttern oder helfen zu wollen. So werden fremde Sorgen zu den eigenen und sie rauben mit der Zeit den Schlaf. Diese Gruppe von Menschen lebt nach dem inneren Motto „Meine ganze Sorge gilt dir.“

Eine weitere Form der Überverantwortlichkeit herrscht vor, wenn Menschen das Wohl des anderen über ihr eigenes Wohl stellen; also bewusst mit ihren Bedürfnissen zurück krebsen, um das Bedürfnis des Gegenübers zu erfüllen. Diese Anpassung über alles, verbunden mit der einer übertriebenen Rücksichtnahme, kann so weit gehen, dass die eigene Meinung nicht mehr kundgetan oder schon gar nicht mehr wahrgenommen wird. Diese Personen sind „ganz beim Gegenüber und wenig bei sich“.

Wie schätzen sich überverantwortliche Menschen selbst ein? Sie halten sich für fürsorglich, helfend, bescheiden und friedliebend. Und wie sieht dies das Gegenüber? Sie erfahren Aggressionen, sind unausgesprochenen Erwartungen ausgesetzt und stossen auf innerliche Unbeweglichkeit bei der überverantwortlichen Person. Auf den ersten Blick kann eine überverantwortliche Person ganz praktisch sein. Denn sie leistet eine grosse Menge an Arbeit, hält sich für vieles verantwortlich, liest die Sorgen von der Stirne ab usw. Tatsächlich verhält es sich aber mittelfristig so, dass auch die überverantwortliche Person an ihre Grenzen stösst. Sie fühlt sich mit der Zeit ausgelaugt, wird öfters unzufrieden, gereizt und nörgelt an ihrem Umfeld herum. Dabei kann sich ganz viel verdeckte Aggression manifestieren. Dazu gesellen sich die unausgesprochenen Erwartungen in das Gegenüber. Denn, die überverantwortliche Person führt heimlich eine Buchhaltung; sie pflegt eine Bilanz um die eigenen Leistungen dem gegenüberzustellen, was sie zurück erwartet. Leider kommuniziert sie diese Erwartungen nicht und der Schuldner nimmt die angebotene Unterstützung arglos in Anspruch. Will ein Gegenüber helfen, stösst er oft auf die innere Unbeweglich­keit der Überverantwortlichen. Die Überverantwortlichen sind selten bereit, Hilfe anzunehmen.

Überverantwortlichkeit kann im Freundeskreis ausgelebt werden (die Freundin, die immer für alle da ist und unermüdlich den Freundschaftsspirit hochhält), im Geschäft (der Mitarbeitende, der zu keinem neuen Projekt „Nein“ sagen kann und in der Erwartung von Wertschätzung durch den Vorgesetzten immer mehr und mehr leistet), in der Familie (die Mutter, die auch noch im Alter dem Sohn alle paar Jahre neue Bettwäsche sendet). Die Überverantwortlichkeit ist aber auch ein Beziehungsmuster und kommt in Partnerschaften zum Tragen. Der untergründige Sog in der Partnerwahl steht dabei Pate. Auch überverantwortliche Personen sind bedürftig. Sie sehen im andern, was sie selber nötig hätten. „Du allein kannst mir geben, was ich wirklich brauche. Du gibst meinem Leben Sinn. Wenn wir zusammen sind, geht es mir besser.“ So oder ähnlich könnte eine Liebeserklärung einer überverantwortlichen Person, die ihre eigene Bedürftigkeit entdeckt hat, tönen. Die Antwort darauf vom überverantwortlichen Partner: „Ich nehme mich deiner an. Ich kann dein Leiden lindern.“ Da haben sich zwei Überverantwortliche gefunden. Aber nur für kurze Zeit. Denn, der Rausch wird verfliegen. Person 1 wird ihre Bedürftigkeit irgendwann selbst regulieren zu verstehen und Person 2 wird mit Ihrer Überverantwortlichkeit ins Leere laufen oder der ständigen Fürsorge für die Person 1 überdrüssig werden. Natürlich gibt es auch längerfristige Abhängigkeiten zwischen Partnern, wenn die verschiedenen Ausprägungen als Gegenpole auftreten; zum Beispiel Diener/Dienerin auf der einen Seite und König/Königinnen auf der anderen Seite.

Wie löse ich mich von der Überverantwortlichkeit? Die Überverantwortlichkeit ist ein Muster, das nicht einfach abzustreifen ist. Sie ist tief verankert in der Persönlichkeitsstruktur. Überverantwortlichkeit kann bewusst wahrgenommen und als Muster allmählich verwässert werden; also in der Verhaltens-Intensität reduziert werden. Wird sich eine Person Ihrer Überverantwortlichkeit bewusst, kann sie die Situationen, welche das überverantwortliche Handeln auslösen vergegenwärtigen und sich vorab alternative Verhaltensweisen zurechtlegen. Je öfters eine Überverantwortlichkeits-Situation in eine Selbstverantwortlichkeits-Situation umgemünzt wird, desto besser wird der Selbstkontakt, desto mehr verwässert sich die Überverantwortlichkeit.

 

Wichtig: Überverantwortlichkeit ist nicht zu verwechseln mit Mitgefühl und echter Hilfsbereitschaft. Handlungen aus Mitgefühl oder echter Hilfsbereitschaft geschehen in aller Regel nicht aus dem Bedürfnis heraus, etwas vom Gegenüber zurückzuerhalten. Beide Handlungen sind von grosser Bedeutung im funktionierenden Zusammenleben unserer Gemeinschaft auf dieser Erde.

 

Quelle & Buchtipp: Schlumpf E. und Werder H. (2009): Immer für andere da? So lernen Sie, freundlich nein zu sagen. Verlag Goldmann, München. Der vorliegende Blogartikel enthält Auszüge aus dem Buch.

 

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