Das gute Gefühl der Reife

Letzthin sagte mir ein Freund, der soeben fünfundvierzig geworden war, er fühle sich endlich gereift. Nicht, dass dies über Nacht passiert wäre, aber jetzt wo er fünfundvierzig sei, stimme irgendwie auch die Zahl dazu. Er fühle sich jetzt genug alt um einfach zu Dürfen und zu Sein.

Die Reife als Entwicklungsphase

Dieser Freund hatte seinen halbwegs runden Geburtstag als äusseren Anlass für seine Reifeerklärung genutzt. Wie viele andere Lebensphasen, ist auch die Reifung nur ganz lose an ein Alter gebunden. Manche Menschen erreichen die Reife früher, andere später. Die Reife als Entwicklungsphase bedingt den Abschluss vorhergehender Phasen und verläuft über eine individuelle Zeitspanne. Menschen sind also unterschiedlich unterwegs, unabhängig ihres jeweiligen Lebensalters.

Die Voraussetzungen für Reifung

Reife bedeutet mehr als nur Älterwerden. Sie ist gekennzeichnet durch einen Kompetenzgewinn, durch ein Mehr an Vermögen, an Können. Reifung des Menschen ist eine weitere Findung der Persönlichkeit im Erwachsenenalter; so umschreibt Alfried Längle, bekannter Vertreter der Existenzanalyse, die Reifung als „Personierung“ des Menschen. Reifung beinhaltet Entwicklung und Werden. Die Entwicklung bedingt Entfaltung von im Inneren bereits Angelegtem. Sie führt zu nichts Neuem, sondern zur Ausgestaltung von Bestehendem, schon im Menschen Angelegtem. Das Werden bedingt die Entstehung von Neuem, das noch nicht im Menschen bei der Zeugung angelegt wurde. Dazu benötigt der Mensch den sozialen Austausch mit seinem Umfeld und die Fähigkeit, die neuen Erkenntnisse für sich und seine Persönlichkeit stimmig einzuordnen.

Die Eigenschaften der reifen Persönlichkeit

Die reife Persönlichkeit verfügt über folgende Eigenschaften, die in den vier Grundbedingungen der Existenz verankert sind (Längle 2008):

  • Sie steht auf dem Boden des Seins, hat einen realistischen Bezug zu den Gegebenheiten und kann sie als solche annehmen (kognitive Reife und Fähigkeit zur Selbst-Distanzierung).
  • Sie steht in Beziehung zum Leben, hat einen Zugang zu den Gefühlen und kann sich auf Beziehungen und Werte einlassen (emotionale Reife)
  • Sie steht zu sich selbst, kann das Eigene authentisch vertreten, ihr Handeln verantworten und anderen Menschen offen begegnen (moralische Reife)
  • Sie sieht sich und ihr Wirken eingebettet in grösseren Zusammenhängen und auf eine konstruktive, sinnvolle Zukunft ausgerichtet (existenzielle Reife)

Die reife Persönlichkeit hat sich der Abhängigkeiten des Heranwachsens entledigt. Sie bedarf nicht des ständigen Zuspruchs von aussen. Fritz Perls, Mitbegründer der Gestalttherapie, nannte das Reifen „Herauswachsen aus der Unterstützung durch die Umwelt, hin zur Selbständigkeit und Selbsterhaltung“. Die reife Person gestaltet ihr Leben selbst mit ihrer unverwechselbaren, authentischen Handschrift. Sie steht im stetigen Austausch mit der Welt, ist aber zu ihrer eigenen Stellungnahme gegenüber ihrer persönlichen Existenz gekommen und vertritt sie situativ sinnvoll im innen wie im aussen.

Jeder Mensch nimmt die Reifung anders war. Der eingangs erwähnte Freund gewinnt mit seinem neuen Daseins-Verständnis an Ruhe, Gelassenheit und Authentizität. Wahrscheinlich nicht immer, aber immer mal wieder.

Ein Coaching unterstützt Sie in der Selbstreflexion und Persönlichkeits-Entwicklung. Die Begleitung durch einen Coach gibt neue Impulse von aussen, hilft Dinge einzuordnen, sorgt für Vertiefung am richtigen Ort und macht Gedanken erfahrbar.

Quellen: Alfried Längle (2008) und Fritz Perls (2002)
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